Kaufleitfaden

Eckenradius wählen: Vorschubgrenze, Ra und Schneidkantenfestigkeit

Eckenradius wählen: Ra-Formel, Vorschubgrenzen, Schneidkantenfestigkeit und ISO-CNMG-/TNMG-Codes für das Drehen und Plandrehen mit Hartmetallplatten.

MT
MACHALLY Technisches Team
20. Aug. 202617 Min. Lesezeit

Für das allgemeine Stahldrehen ist ein Eckenradius von 0.8 mm der empfohlene Einstieg: Er erlaubt Vorschübe bis ~0.18 mm/rev für eine Schlichtgüte Ra ≤ 1.6 µm bzw. bis ~0.25 mm/rev für ein allgemeines Drehen mit Ra ≤ 3.2 µm und bietet zugleich eine ausreichende Schneidkantenfestigkeit für ununterbrochene Schnitte. Für Schlichten unterhalb Ra 0.8 µm oder schlanke Werkstücke mit Auslenkungsneigung sind 0.4 mm zu bevorzugen; bei unterbrochenem Schruppen oder harten Werkstoffen, in denen das Ausbrechen der Schneidkante das dominierende Versagensbild ist, sind typischerweise 1.2–1.6 mm vorzusehen.

Der Eckenradius ist der einzige geometrische Parameter an einer Drehplatte, der gleichzeitig drei konkurrierende Zielgrößen steuert: theoretische Oberflächenrauheit, maximal zulässigen Vorschub und Schneidkantenfestigkeit. Den meisten Zerspanern ist geläufig, dass ein größerer Radius bei gleichem Vorschub eine bessere Oberfläche liefert — doch die Formel, die diesen Zusammenhang beschreibt, zeigt zugleich, warum der Radius nicht beliebig vergrößert werden darf. Der Eckenradius wirkt im Zusammenspiel mit Hartmetallsorte und Beschichtungswahl; keiner der beiden Parameter genügt für sich allein.

Die nachfolgende Schnellreferenztabelle ordnet typischen Bearbeitungsszenarien den passenden Radius zu. Die darauffolgenden Abschnitte erläutern die physikalischen Hintergründe, sodass auch Sonderfälle, die nicht in der Tabelle stehen, einer fundierten Beurteilung zugänglich werden.

SzenarioEmpfohlener rεMax. Vorschub (Ra ≤ 1.6 µm real)Anmerkungen
Allgemeines Stahldrehen (ISO P)0.8 mm0.18 mm/rev0.25 mm/rev zulässig für Ra ≤ 3.2 µm allgemeine Bearbeitung
Schlichten bis Ra ≤ 0.8 µm0.8 mm0.12 mm/revEngere Ra-Vorgabe verlangt geringeren Vorschub
Schlichten bis Ra ≤ 0.4 µm0.8 mm0.09 mm/revWiper-Platte bei diesem Ra meist praktikabler
Schruppen Stahl, stabile Aufspannung1.2 mm0.22 mm/revMaximiert Zerspanungsleistung, robuste Schneide
Unterbrochene Schnitte / Schruppen Hartstahl1.6 mm0.25 mm/revDicke Schneide widersteht stoßbedingtem Ausbrechen
Schlankes Werkstück (L/D > 5)0.4 mm0.12 mm/revKleinerer rε senkt Radialkraft und Auslenkung
Titanlegierung (Ti-6Al-4V)0.4–0.8 mm0.10–0.15 mm/revGrößerer rε verstärkt Kerbverschleiß an der Schnitttiefenlinie
Aluminium / Nichteisenmetalle0.4–0.8 mm0.18–0.25 mm/revScharfkantige Varianten bevorzugt; Radius steuert Gratbildung

Die Ra-Formel: Warum der Eckenradius die Oberflächengüte bestimmt

Die geometrische Oberflächenrauheit beim Drehen folgt der Beziehung:

Ra (theoretisch) = f² / (32 × rε)

mit f als Vorschub in mm/rev und rε als Eckenradius in mm. Das Ergebnis fällt in mm an; multipliziert mit 1.000 ergibt es den Wert in µm.

Der Vorschub dominiert die Oberflächengüte, weil er quadratisch eingeht — eine Halbierung des Vorschubs senkt die theoretische Ra um 75%. Der Eckenradius steht im Nenner: Eine Verdopplung des Radius halbiert die Ra bei gleichem Vorschub. Die tatsächliche Ra liegt typischerweise 1.2–1.5× über der geometrischen Vorhersage, bedingt durch Schwingungen, Aufbauschneiden und Werkzeugverschleiß; die Verhältnisse der Formel halten jedoch bei stabilen Schnittbedingungen sehr gut.

ISO 4287 definiert Ra als arithmetisches Mittel der absoluten Profilordinatenwerte innerhalb einer Bezugsstrecke — der Messstandard, gegen den die obige geometrische Vorhersageformel validiert wird. Die Messdefinition der Norm ist von der Vorhersageformel f²/(32rε) unabhängig; Letztere ist eine geometrische Cusp-Abschätzung, die aus den idealisierten dreieckigen Profilspitzen zwischen aufeinanderfolgenden Vorschublinien hervorgeht.

Praxisbezogene Vorschubgrenzen je Eckenradius (mit einem realweltlichen Sicherheitsfaktor von 1.3× auf die geometrische Vorhersage):

Eckenradius — Vorschubgrenzen für Ra ≤ 1.6 µm real (Sicherheitsfaktor 1.3× auf Ra geometrisch)
rε = 0.4 mm max. f ≈ 0.12 mm/rev (Ra geometrisch ≈ 1.13 µm → real ≈ 1.46 µm)
rε = 0.8 mm max. f ≈ 0.18 mm/rev (Ra geometrisch ≈ 1.27 µm → real ≈ 1.65 µm)
rε = 0.8 mm zur Einhaltung Ra ≤ 0.8 µm real max. f ≈ 0.12 mm/rev (Ra geometrisch ≈ 0.56 µm)
rε = 1.2 mm max. f ≈ 0.22 mm/rev (Ra geometrisch ≈ 1.26 µm → real ≈ 1.64 µm)
rε = 1.6 mm max. f ≈ 0.25 mm/rev (Ra geometrisch ≈ 1.22 µm → real ≈ 1.59 µm)
Hinweis Für allgemeines Drehen mit Ra ≤ 3.2 µm sind die Vorschübe um ~40% anhebbar. Bei langen Auskraglängen oder unterbrochenen Schnitten sind alle Werte um ~20% zu reduzieren.

Ein Eckenradius von 0.8 mm ist der Standardeinstieg für das Drehen der ISO-P-Gruppe, weil er Vorschübe von 0.18 mm/rev für Ra ≤ 1.6 µm Schlichten — bzw. 0.25 mm/rev für Ra ≤ 3.2 µm allgemeine Bearbeitung — bei gleichzeitig hinreichender Schneidkantenfestigkeit zulässt.

Die Formel erklärt zugleich eine verbreitete Produktionsfalle: Bei einer Vorgabe Ra ≤ 0.8 µm wird der Vorschub häufig reduziert, um eine verschlissene Platte zu kompensieren, statt eine frische Platte oder einen größeren Radius einzusetzen. Wegen des quadratischen Zusammenhangs senkt eine Vorschubreduktion um 30% die Ra nur um 51% — fügt die Platte durch Verschleiß­streuung 0.3 µm Rauheit hinzu, lässt sich dies allein über den Vorschub nicht ausgleichen. Eine umfassendere Darstellung zu Ra-Messung und Spezifikationszielen bietet der Leitfaden zur Oberflächengüte-Spezifikation.

Schneidkantenfestigkeit: Wie der Eckenradius die Schneidintegrität beeinflusst

Die Ecke ist der schwächste Punkt einer Hartmetall-Wendeschneidplatte, da hier Schnittkräfte aus zwei Richtungen zusammenwirken — tangential (aus dem Drehvorgang) und in Vorschubrichtung (aus dem Vorschub). Größere Eckenradien verteilen diese Belastung auf einen längeren Bogen, senken die Spitzenspannung pro Flächeneinheit und erhöhen die Widerstandsfähigkeit gegen mechanischen Stoß und Thermoschock.

Quantitativ zeigen Versuche an P25-Hartmetallplatten (ISO 513 P-Gruppe) typischerweise, dass eine Erhöhung des rε von 0.4 mm auf 1.2 mm die Anzahl der unterbrochenen Schnitte bis zum Ausbrechen der Schneidkante in Stahl bei 200 m/min etwa verdoppelt. Der Zusammenhang ist nicht streng linear; er hängt von der Plattengeometrie (rhombisch, trigonal, rund), dem Einstellwinkel und der Schnitttiefe ab.

Wesentliche Implikationen für die Schneidkantenfestigkeit nach Operation:

  • Schruppen (ap > 2 mm, unterbrochene Schnitte): rε ≥ 1.2 mm einzusetzen. Der größere Bogen liefert sowohl thermische Masse als auch mechanische Reserve. Eine 0.4-mm-Ecke bricht beim unterbrochenen Schruppen von gehärtetem Stahl typischerweise innerhalb von 5–15 Schnitten aus.
  • Schlichten (ap 0.2–0.5 mm, kontinuierlich): rε im Bereich 0.4–0.8 mm (abhängig vom Ra-Ziel). Die Schneidkantenfestigkeit ist beim leichten Schlichten selten der begrenzende Faktor; Oberflächengüte und Schwingungen dominieren.
  • Halbschlichten (ap 0.5–2 mm): rε = 0.8 mm gilt als Standardempfehlung, da dieser Wert sowohl Festigkeits- als auch Oberflächenanforderungen ohne erzwungenen Kompromiss abdeckt.

Radiuswahl nach Schnitttiefe

Eine verbreitete Faustregel besagt, dass der Eckenradius die Schnitttiefe nicht überschreiten sollte. Bei rε > ap erstreckt sich der Kontaktbogen sowohl auf die führende als auch auf die nachlaufende Schnittflanke — die Radialkraft steigt, das Ratterrisiko nimmt zu und es entsteht eine ausgedehntere Wärmekonzentrationszone. Bei ap = 0.5 mm ist rε ≤ 0.5 mm einzuhalten; wird rε = 0.8 mm aus Gründen der Oberflächengüte bevorzugt, ist ap ≥ 0.8 mm sicherzustellen.

Für unterbrochenes Schruppen von Stahl der ISO-P-Gruppe sind typischerweise rε = 1.2–1.6 mm zu bevorzugen, da der verlängerte Schneidenbogen mechanische Stöße verteilt und die Spitzenkontaktspannung gegenüber kleineren Radien reduziert.

Radiale Schnittkraft und Werkstückauslenkung

Der Eckenradius hat einen erheblichen, häufig unterschätzten Einfluss auf die radiale Schnittkraft (Fp). Mit steigendem rε wächst der Kontaktbogen und das Spanstauchverhältnis verändert sich — ein größerer Eckenradius erzeugt einen breiteren, dünneren Span, dessen Bildung eine höhere Radialkraft erfordert. Bei steifen, stabilen Aufspannungen ist dies unerheblich; an schlanken Werkstücken zeigt sich die Folge dagegen messbar.

Empirisch erhöht eine Verdopplung des Eckenradius von 0.4 mm auf 0.8 mm die radiale Schnittkraft beim Stahldrehen unter sonst gleichen Bedingungen (Vorschub 0.2 mm/rev, ap 1 mm) typischerweise um etwa 20–35%; die Größenordnung variiert mit Werkstoffhärte, Einstellwinkel und Schnitttiefe. Diese Kraft wirkt senkrecht zur Schnittrichtung und drückt schlanke Werkstücke vom Werkzeug weg, was Kegligkeit oder Rattern erzeugt.

Vorsicht bei schlanken Werkstücken

Für Werkstücke mit einem Längen-zu-Durchmesser-Verhältnis über 5:1 kann rε > 0.8 mm Kegelfehler von über 0.02 mm auf 100 mm Länge verursachen, selbst bei scheinbar steifen Aufspannungen. Es sind rε = 0.4 mm zu verwenden, ap auf etwa 0.5–1.0 mm zu reduzieren (in Abhängigkeit von Werkstückdurchmesser und Werkstoff) und der Vorschub leicht anzuheben, um im Oberflächengütefenster zu bleiben. Bei L/D > 8:1 ist unabhängig vom Eckenradius ein Reitstock oder Lünette einzusetzen.

Der Radialkrafteinfluss ist in drei Szenarien besonders relevant:

  1. Dünnwandige zylindrische Bauteile (Wandstärke < 3 mm): Die Radialkraft führt zu Ovalisierung und inkonsistenter Bohrung-zu-Außendurchmesser-Konzentrizität.
  2. Lange Wellen (L/D > 6): Das Werkstück biegt sich vom Werkzeug weg; je größer der Radius, desto stärker die Kegligkeit.
  3. Innenausbohren kleiner Bohrungen (< 25 mm): Die Bohrstange selbst lenkt unter Radialkraft aus — ein kleinerer rε an der Platte reduziert die Stangenauslenkung beim Ausbohren von Legierungsstahl bei vergleichbarem Vorschub und Schnitttiefe typischerweise um 15–25%.

Beim schlanken Drehen und Ausbohren kleiner Bohrungen reduziert rε = 0.4 mm die Werkstückauslenkung gegenüber rε = 0.8 mm bei vergleichbaren Vorschüben typischerweise um 20–30%.

ISO-1832-Eckenradiuscodes und Plattenbezeichnung

ISO 1832 codiert den Eckenradius als die letzten beiden Ziffern des Größenbezeichners in der Plattenartikelnummer. Der zweistellige Code gibt den Radius in Zehntel Millimetern an — geteilt durch 10 ergibt sich der Wert in mm.

ISO 1832 Eckenradiuscodes (letzte beide Ziffern des Größenbezeichners)
02 = 0.2 mm rε (Feinschlichten)
04 = 0.4 mm rε (Schlichten, schlanke Werkstücke)
08 = 0.8 mm rε (gängigster Allzweckwert)
12 = 1.2 mm rε (bevorzugt für Schruppen)
16 = 1.6 mm rε (Schwerschruppen / unterbrochene Schnitte)
20 = 2.0 mm rε (Obergrenze des gängigen Bereichs)
Beispiel CNMG 120408 → C-Form, N negative Grundgeometrie, M-Toleranz, G-Spanbrechernut, 12 mm IC, 04 = 4 mm Dicke, 08 = 0.8 mm rε
Beispiel TNMG 160404 → T-Form (Trigon 60°), N negative Grundgeometrie, M-Toleranz, G-Spanbrechernut, 16 mm IC, 04 = 4 mm Dicke, 04 = 0.4 mm rε

ISO 1832 ist die maßgebliche Norm zur Angabe des Eckenradius an Hartmetallplatten in Bestellung und Programmierung, da sie einen eindeutigen zweistelligen Zahlencode unmittelbar in die Plattenartikelnummer einbettet — der Code geteilt durch 10 ergibt den Radius in Millimetern.

Die Plattenfamilien CNMG und TNMG sind die am weitesten verbreiteten für das Außendrehen in den Werkstoffgruppen ISO P, M und K. CNMG (rhombisch 80°) bietet an der 80°-Ecke zwei nutzbare Schneiden und ist für allgemeines Drehen mit Einstellwinkeln von 45–75° bevorzugt. TNMG (Trigon 60°) liefert drei Schneiden und wird häufig bei Kopier- und Profildreharbeiten eingesetzt, wo der geringere Einstellwinkel die Radialkraft reduziert — ein zusätzlicher Faktor, der mit dem Eckenradius beim Steuern der Auslenkung in Wechselwirkung steht.

Lesen eines Herstellerkatalogs

Bei der Auswahl aus einem CNMG-120408-Eintrag entschlüsseln sich die drei Ziffernpaare des Größenbezeichners wie folgt:

  • 12: Plattendurchgangskreis (IC) = 12 mm
  • 04: Plattendicke = 4 mm
  • 08: Eckenradius-Code 08 = 0.8 mm rε (letzte beide Ziffern geteilt durch 10)

Die meisten großen Hersteller (Sandvik, Kennametal, Iscar, Kyocera) folgen ISO 1832 für die Position des Eckenradius, einige verwenden jedoch einen proprietären Suffix zur Kennzeichnung von Wiper-Geometrien. Beim Wechsel zwischen Marken ist stets die Decodierungstabelle des Herstellers heranzuziehen.

Wiper-Platten: Wann statt eines größeren Radius einzusetzen

Wiper-Platten modifizieren die Standardgeometrie der Eckenrundung durch einen kurzen geraden Abschnitt (die „Wiper-Fläche“) hinter der eigentlichen Rundung. Die Wiper-Fläche ist typischerweise 0.1–0.3 mm breit und verläuft parallel zur Vorschubrichtung. Ihre Wirkung: Sie glättet die Oberfläche, die die Hauptschneide hinterlässt, und reduziert die Ra deutlich, ohne die Vorschubreduktion zu verlangen, die ein rein geometrischer Ansatz erforderlich macht.

Eine Wiper-Platte erreicht typischerweise Ra im Bereich 0.4–0.8 µm bei Vorschüben von 0.25–0.40 mm/rev — Vorschübe, die mit einer Standardplatte rε = 1.6 mm verlangen und dennoch lediglich Ra 0.8–1.2 µm liefern würden.

Wiper-Platten sind einzusetzen, wenn:

  • Das Oberflächenziel bei Ra ≤ 0.8 µm liegt und die Produktivität (Vorschub) maßgeblich ist
  • Stahl der ISO-P-Gruppe geschlichtet wird und der Vorschub aufgrund von Zykluszeitvorgaben nicht abgesenkt werden kann
  • Ra ≤ 0.4 µm gefordert ist und ein separater Schleif- oder Honvorgang vermieden werden soll

Wiper-Platten sind nicht einzusetzen, wenn:

  • Das Werkstück schlank ist (L/D > 5) — die Wiper-Fläche erhöht die Radialkraft gegenüber einer Standardplatte gleichen rε um 30–50%
  • Unterbrochene Schnitte überwiegen — der flache Abschnitt ist an der Glättungskontaktstelle anfälliger für Mikroausbrüche
  • Innenausbohren bei kleinen Durchmessern erfolgt — die erhöhte Radialkraft verstärkt die Stangenauslenkung

✦ Standardplatte am besten geeignet für

  • Unterbrochene Schnitte und Schruppen (rε typischerweise 1.2–1.6 mm)
  • Schlanke Werkstücke, bei denen die Radialkraft kritisch ist
  • Bohrstangen mit L/D > 4:1
  • Universelle Abdeckung — vom Schruppen bis zum Halbschlichten

✦ Wiper-Platte am besten geeignet für

  • Schlichtdrehen bis Ra ≤ 0.8 µm bei hohen Vorschüben
  • Ersatz eines Schleifdurchgangs an gehärtetem Stahl
  • Serienproduktionsdrehen, wenn die Zykluszeit eine Vorschubreduktion nicht zulässt
  • ISO-P/K-Gruppen auf steifen Aufspannungen mit ap ≥ 1 mm

Werkstoffspezifische Erwägungen

Titanlegierungen (Ti-6Al-4V)

Ti-6Al-4V ist in die ISO-S-Gruppe eingeordnet und stellt zwei eckenradiusspezifische Herausforderungen. Erstens konzentriert die geringe Wärmeleitfähigkeit (6.7 W/m·K) die Wärme an der Schneidkante — ein größerer Eckenradius vergrößert den Kontaktbogen und damit die thermische Belastung, was den Kerbverschleiß an der Grenze der Schnitttiefenlinie beschleunigt. Für Ti-6Al-4V ist ein rε im Bereich 0.4–0.8 mm typischerweise zu bevorzugen, da er die Bogenlänge des Kontakts begrenzt und somit die thermische Konzentration, die den Kerbverschleiß an Schnitttiefenübergängen treibt, reduziert.

Zweitens bedeutet der niedrige Elastizitätsmodul von Titan (114 GPa gegenüber 200 GPa bei Stahl), dass sich das Werkstück unter Radialkraft stärker auslenkt — ein weiterer Grund, kleinere Radien zu bevorzugen. In der Praxis kommen beim Drehen von Ti-6Al-4V typischerweise rε = 0.4 mm zum Halbschlichten und rε = 0.8 mm zum Schruppen zum Einsatz, wobei TiAlN-beschichtete Platten die Oxidationsbeständigkeit (Einsetzen >800°C) liefern, die für trockene oder MMS-Bedingungen beim Drehen von Luft- und Raumfahrtkomponenten aus Titan erforderlich ist.

TiAlN-Beschichtungen sind beim Drehen von Ti-6Al-4V zu bevorzugen, da ihre Oxidationsbeständigkeit bei Temperaturen über 800°C der konzentrierten Wärmeentwicklung in der Eckenradius-Kontaktzone ohne Schichtversagen standhält.

Gehärteter Stahl (45–65 HRC)

Das Hartdrehen gehärteten Stahls verlangt den umgekehrten Ansatz zum Titandrehen: Für Stahl über 50 HRC ist rε = 0.8–1.2 mm Standard, da das harte, abrasive Werkstück einen robusten Schneidenbogen zur Widerstandsfähigkeit gegen Mikroausbrüche verlangt und die für Hartdreh-Setups typische steife Aufspannung die Radialkraft nicht zum begrenzenden Kriterium macht.

CBN-Schneidstoffe (kubisches Bornitrid) für das Hartdrehen folgen denselben ISO-1832-Eckenradiuscodes. rε = 0.8 mm in CBN ist der häufigste Einstieg für das Schlichthartdrehen auf typischerweise Ra 0.4–0.8 µm.

Gusseisen (ISO-K-Gruppe)

Die abrasive Natur von Gusseisen (harte Karbidteilchen) begünstigt größere Eckenradien, um den Abrasivverschleiß auf einem längeren Bogen zu verteilen. Für Grauguss bei Schnittgeschwindigkeiten über 300 m/min sind rε typischerweise 1.2–1.6 mm in Verbindung mit CVD-Al₂O₃-beschichteten Platten die gängige industrielle Empfehlung. Die Abrasionsbeständigkeit von Al₂O₃ ist für Gusseisen besonders geeignet, da die Aluminiumoxidschicht den Karbidteilchen in der Eisenmatrix ohne chemische Wechselwirkung standhält.

Entscheidungsrahmen: Eckenradiuswahl in vier Schritten

Schritt 1 — Bindende Randbedingung identifizieren. Wird der Auftrag durch Oberflächengüte, Schneidkantenfestigkeit oder Auslenkung begrenzt? Die meisten Dreharbeiten sind oberflächengütebegrenzt (Ra-Vorgabe); schlanke Werkstücke und unterbrochenes Schruppen sind hingegen festigkeits- bzw. auslenkungsbegrenzt. Für eine Optimierung des gesamten Parametersatzes über die Plattengeometrie hinaus siehe den Leitfaden zur CNC-Bearbeitungsoptimierung.

Schritt 2 — Ra-Formel anwenden. Für das geforderte Ra-Ziel und den geplanten Vorschub den minimalen rε aus rε = f² / (32 × Ra_geom_mm) berechnen. Beispiel: Ziel Ra 0.8 µm real; mit einem Sicherheitsfaktor von 1.3× ergibt sich das geometrische Ra-Ziel zu 0.8/1.3 ≈ 0.615 µm = 0.000615 mm. Bei f = 0.2 mm/rev → rε_min = 0.04 / (32 × 0.000615) ≈ 2.03 mm. Da 2.0 mm der größte gängige Standardradius ist — und eine Überschreitung von 2.0 mm bei üblichen Platten unpraktikabel — entweder den Vorschub auf ~0.15 mm/rev senken (was rε ≈ 1.2 mm zur Einhaltung von Ra 0.8 µm unter demselben Sicherheitsfaktor erlaubt) oder auf eine Wiper-Platte umstellen, die Ra 0.8 µm bei höheren Vorschüben ohne großen geometrischen Radius erreicht.

Schritt 3 — rε ≤ ap prüfen. Übersteigt der formelbasierte rε die geplante Schnitttiefe, ist entweder ap zu erhöhen, rε zu verringern und der Vorschub entsprechend abzusenken oder auf eine Wiper-Platte umzustellen.

Schritt 4 — Werkstoffgruppe gegenprüfen. Die werkstoffspezifischen Korrekturen aus Abschnitt 06 anwenden: rε für Titan und schlanke Werkstücke reduzieren; rε für unterbrochene Schnitte und gehärteten Stahl erhöhen.

Der Eckenradius legt gleichzeitig die obere Grenze der Oberflächengüte, die untere Grenze des Vorschubs und die untere Grenze der Schneidkantenfestigkeit fest — die Optimierung einer Größe ohne Berücksichtigung der beiden anderen ist die häufigste Ursache für unerwartetes Plattenversagen oder verfehlte Ra-Ziele.

SzenarioEmpfohlener rεVorschubgrenze (Ra ≤ 1.6 µm real)Hauptgrund
Allgemeines Stahldrehen (ISO P20–P35)0.8 mm0.18 mm/revAusgewogenheit von Güte und Festigkeit
Schlichtdrehen Ra ≤ 0.8 µm0.4–0.8 mm0.09–0.12 mm/revGeringerer Vorschub kompensiert engeres Ra-Ziel
Schruppen unterbrochener Stahl~1.2–1.6 mm0.22–0.25 mm/revSchneidkantenfestigkeit unter Stoßbelastung
Schlankes Werkstück (L/D > 5)0.4 mm0.12 mm/revMinimiert radiale Auslenkungskraft
Ti-6Al-4V Halbschlichten0.4–0.8 mm0.10–0.15 mm/revBegrenzt Kerbverschleiß an der DoC-Linie
Hartdrehen > 50 HRC0.8–1.2 mm0.18–0.22 mm/revRobuster Bogen widersteht Mikroausbrüchen
Gusseisen Hochgeschwindigkeit~1.2–1.6 mm0.22–0.25 mm/revVerteilt Abrasivverschleiß
Wiper-Plattenschlichtenbeliebig (0.4–0.8 Grund)0.25–0.40 mm/revWiper-Fläche erreicht Ra ≤ 0.8 µm bei höheren Vorschüben
Summary

Bei 0.8 mm starten, dann nach Randbedingung anpassen.

rε = 0.8 mm ist der universelle Einstieg für das allgemeine Drehen der ISO-P-Stahlgruppe — er erlaubt Vorschübe bis ~0.18 mm/rev für Ra ≤ 1.6 µm Schlichten bzw. bis ~0.25 mm/rev für Ra ≤ 3.2 µm allgemeine Bearbeitung bei zugleich ausreichender Schneidkantenfestigkeit für ununterbrochenes Schneiden. Auf 0.4 mm wird gewechselt, wenn Auslenkung oder feine Oberfläche (Ra ≤ 0.8 µm) die bindende Randbedingung ist. Auf typischerweise 1.2–1.6 mm wird gewechselt, wenn unterbrochene Schnitte oder harte Werkstoffe eine festere Schneide verlangen. Die Ra-Formel (Ra = f²/32rε) und der reale Sicherheitsfaktor von 1.3× sind heranzuziehen, sobald eine konkrete Oberflächenvorgabe gegen einen geplanten Vorschub abzusichern ist.

Mit welchem Eckenradius ist beim Stahldrehen zu starten?

Mit 0.8 mm zu beginnen (ISO-1832-Code „08“ in der Plattenbezeichnung, z.B. CNMG 120408). Dieser Radius erlaubt Vorschübe bis ~0.18 mm/rev für Ra ≤ 1.6 µm Schlichten bzw. bis ~0.25 mm/rev für Ra ≤ 3.2 µm allgemeines Drehen bei zugleich ausreichender Schneidkantenfestigkeit sowohl für kontinuierliche als auch für leicht unterbrochene Schnitte an Stahl der ISO-P-Gruppe.

Wie wirkt sich der Eckenradius rechnerisch auf die Oberflächengüte aus?

Theoretische Ra = f² / (32 × rε), wobei f der Vorschub in mm/rev und rε der Eckenradius in mm ist. Der Eckenradius steht im Nenner: Eine Verdopplung des rε von 0.4 mm auf 0.8 mm halbiert die theoretische Ra bei gleichem Vorschub. Der Vorschub geht quadratisch ein: Eine Halbierung des Vorschubs senkt die Ra um 75%. Die tatsächliche Ra liegt aufgrund von Schwingungen und Werkzeugverschleiß 1.2–1.5× über dem theoretischen Wert.

Wann ist ein kleinerer Eckenradius wie 0.4 mm einzusetzen?

0.4 mm sind beim Bearbeiten schlanker Werkstücke (Längen-zu-Durchmesser-Verhältnis über 5:1), beim Schlichten von Titanlegierungen (wo größere Radien den Kerbverschleiß verstärken) oder beim Ausbohren kleiner Bohrungen, in denen die Stangenauslenkung kritisch ist, einzusetzen. Kleinere Radien senken die radiale Schnittkraft gegenüber 0.8 mm bei gleichem Vorschub um etwa 20–35% und begrenzen damit die Werkstückauslenkung.

Lässt sich ein großer Eckenradius nutzen, um die Oberflächengüte zu verbessern, ohne den Vorschub zu senken?

Bis zu einem gewissen Grad. Ein Radius von 1.6 mm erlaubt Vorschübe bis ~0.25 mm/rev für Ra ≤ 1.6 µm real (bzw. ~0.36 mm/rev für Ra ≤ 3.2 µm). rε darf jedoch die Schnitttiefe nicht überschreiten — bei rε > ap steigt die Radialkraft stark an, und das Ratterrisiko nimmt zu. Für Ra ≤ 0.8 µm bei hohen Vorschüben ist eine Wiper-Platte (0.4–0.8 mm Grundradius + Wiper-Fläche) meist praktikabler als ein Standardradius von 1.6 mm.

Wie lässt sich der Eckenradius aus einer Plattenartikelnummer ablesen?

ISO 1832 platziert den Eckenradius als letzte zwei Ziffern des Größenbezeichners. In CNMG 120408 steht „08“ für 0.8 mm. Der zweistellige Code geteilt durch 10 ergibt den Wert in Millimetern: 04 = 0.4 mm, 08 = 0.8 mm, 12 = 1.2 mm, 16 = 1.6 mm. Die meisten großen Hersteller folgen ISO 1832, einige ergänzen jedoch einen proprietären Suffix für Wiper-Varianten hinter der Standardbezeichnung.

Quellen

Hartmetall-WendeschneidplattenCNC-DrehenOberflächengütePlattengeometrieZerspanungswerkzeuge
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MACHALLY Technisches Team

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